Wie arbeitet man an einer Anthologie?
Seit einem Jahr wird an dem Projekt „*TOPIE – Space is the Case“ geschmiedet.
Kathrin Assauer lud uns ein den Begriff *TOPIE in unsere Worte zu fassen.
Wir haben Texte geschrieben, sie über googledocs kommentiert, sind in ein kleines Lektorat unter uns gegangen, haben diskutiert, gefeilt, die Texte in die große Überprüfung an den Lektor Helge Pfannenschmidt (von der Edition Azur/Voland & Quist) weitergegeben. Wir durften llustrationen des Künstlers André Tempel für unser Geschriebenes wählen. Kathrin Assauer und Michael Merkel visualisierten die Texte, formatierten sie so, dass ein ansprechendes Buch entsteht. Jetzt ist es im Druck.
Und Kathrin hat noch mehr aus ihrem kreativen Köcher gezaubert:
„Für die Performance, die performative Anthologie-Lesung in der Halle der GEH8, habe ich ein Libretto sowie einen Sprech- und Singtext für die Solist/-innen des Ensembles AuditivVokal Dresden geschrieben – ein Extrakt aller Texte, der die heterogenen Inhalte verbindet und resoniert. Der erste Entwurf des Librettos, einschließlich des raum-zeitlichen Strukturentwurfs von Friedrich Hausen, ist im Buch dokumentiert und diente als Ausgangspunkt für die Kompositionen von Alberto Arroyo und Samir TimajChi. Dirigiert und einstudiert von Olaf Katzer, werden Passagen des Librettos überlagernd gesungen und gesprochen. So wachsen die Texte ineinander und werden eins, unterbrochen durch die kurzen „konventionellen Lesungen“ der einzelnen Autor/-innen.
Darf ich vorstellen…?
Die Autor*innen
KATHRIN ASSAUER

WER bist du?
Jeden Tag ein wenig eine andere und bei jeder Begegnung mit einem Menschen zeigen sich neue Facetten, für die Schubladen Kulturmanagerin (GEH8 Dresden), Unternehmerin, Autorin, Juristin, Allerlei-Gründerin, Human- und Idealistin und neugierig.
WARUM schreibst du?
Weil mich andere dazu immer wieder animieren und ich der „Welt“ und mir auf eine besondere unkontrollierbare und nicht steuerbare Art und Weise begegnen kann. Im Schreiben steckt für mich viel Ehrlichkeit, Echtheit und Freiheit. Mein unsteter innere Gedankenläufer wird gehalten länger in eine Richtung zu blicken, meistens.
WIESO *TOPIE?
Übers Sternchen kann man eine Tiefenbohrung in allerlei Menschenwelten machen.
TEXTFRAGMENT
„Tontafelpuzzle
(Motiv Weltgeschehen, variabel)“
Eine Schwimmblase, lebensgroß, zieht ihre Bahnen, krault in Resonanz.
Singt tonlos wes Lied und verteilt ihre Brote.
Ein zarter Duft. Der Duft der Bewegung ihrer Sprache.
(…)
Sie reicht mir die Flasche bis auf Höhe der Dusche neben mir.
Jetzt schüttle ich den Kopf, trete zurück,
stelle den Abstand wieder her.
Dann unberechenbar sie,
kommt und nimmt, dreht und öffnet,
formt mir eine Mulde in die Hand.
Diese Mulde in Mulde,
möchte hineinlegen den Kopf, immer wieder,
in diese Hände.
ANJA SCHWENNSEN

WER bist du?
Anja Schwennsen, geboren in Hamburg, aufgewachsen südlich der Elbe. Ich habe in Hamburg Literaturwissenschaft, Philosophie und Politikwissenschaft studiert und danach, weil ich mit dem Studieren nicht aufhören konnte, ein Buch über mythische Rede in der Literatur geschrieben. Zwischendurch war ich kurz mal weg – Denver, Colorado, in Brasilien und immer mal wieder in Frankreich.
WARUM schreibst du?
Damit ich mich und die Welt besser verstehe.
WIESO *TOPIE?
Mich interessiert das Gefängnis als Raum schon lange. Vielleicht ungefähr seit ich mit Anfang 20 „Berlin Alexanderplatz“ gelesen habe. Was genau soll das Gefängnis für uns richten? Und wie haben sich unsere Ansprüche an diesen Raum im Laufe der Jahrhunderte gewandelt? Welche Bilder und Ängste verbinden wir mit dem Gefängnis und was sagt dieser Ort über uns und unsere Gesellschaft aus?
TEXTFRAGMENT
„Bastelstunde“
Schablone: O Ich bin das A und O der Gestalt. O Form nicht ohne mich. O Und warum redest du überhaupt? O Einhorn? Du hast doch noch gar keine Gestalt. O
Fenster: Deine Angeberei ist so durchschaubar. Sie könnten das Einhorn auch ohne dich zeichnen. Frei heraus aus ihren Köpfen.
Schablone: O Das Fenster mit den Gitterstäben spricht von Freiheit. O Das ich nicht … O
Fenster: Lachen? Du willst lachen? Du weißt genau, dass ich nichts dafür kann. Gitterstäbe vor meinesgleichen sind ein erhellender Teil ihrer Strafe. Der moderne Strafvoll …
Schablone: O Vollzugsinstrument, du! O
ASTRID STÄHLER

WER bist du?
Autorin, Berlinerin, Neuseeländerin, Weltenbummlerin, Mehrsprachige, Übersetzerin, Englisch- und Schreibcoach, Familienmensch, Trösterin, Organisatorin, Feiertier, Köchin, Läuferin, Radfahrerin und Schwimmerin, Sängerin, Tänzerin
WARUM schreibst du?
Mir geht es wie Flannery O’Connor – „Ich schreibe, weil ich nicht weiß, was ich denke, bis ich lese was ich zu sagen habe“.
Ich schreibe also, um mir das Erlebte zu erklären, bewusst zu machen, zu vertiefen und daraus zu lernen. Ich schreibe auch, um mich und andere zu unterhalten, zu bereichern, zu amüsieren, betroffen zu machen, zum Nachdenken anzuregen.
Und ich schreibe, ja, weil ich mir ein Leben ohne Schreiben ganz einfach nicht vorstellen kann.
WIESO *TOPIE?
Mein Text mit dem Präfix „femi“ deutet auf einen Ort, an dem Frauen sich ungefährdet entfalten können, ein Ort, an dem es zu häufig fehlt, der Frauen mutwillig vorenthalten wird, damit die etablierte patriarchale Ordnung nicht ins Wanken gerät. Frauen sind stark, wenn sie sich organisieren und eigene, neue Werte finden. Sie müssen es sich bewusst machen, und dafür soll mein Text Katalysator sein. Allen Weinsteins und Lindemännern zum Trotz.
TEXTFRAGMENT
„Jemandes Raum“
Ich kann noch gehen.
Aus jemandes Raum.
Mein Raum.
Unser Raum.
Räume ohne Wände.
Räume mit wehenden Vorhängen und schwebenden Dächern.
Wir darin, tanzend, befreit von der Wut, die wir für Leidenschaft hielten.
MARTINA LENZ

WER bist du?
Autorin, Katzenliebhaberin, Berggeherin
WARUM schreibst du?
Weil ich Fragen an das Leben habe und mir die Antworten erschreibe
WIESO *TOPIE?
Weil ich gerne mein Denken auswerfe wie eine Angel – in eine großartige und eine realistische Zukunft.
TEXTFRAGMENT
„100-24″
Juls hob die Hand zum Schwur und sagte zu seinem Sohn:
„Du wirst keinen Krieg erleben müssen, das werde ich verhindern. Ich verspreche es dir.“
MARC MATTHIES

WER bist du?
Wer bin ich? Aufgehört zu sein, lege ich einige meiner Worte nieder.
An ihrer Bildergrenze mag ich erscheinen oder dort, wo sie endet, einen anderen finden.
Marc Matthies, in Hamburg geboren, lebe mit meiner Familie in Köln.
Dharma Art, Buddhismus und autobiographisches Schreiben beschäftigen mich.
Als Arzt und Psychotherapeut in eigener Praxis tätig.
WARUM schreibst du?
Frei und unpräzise nach R. Barthes, weil es ein kreatives Begehren, ein SCHREIBENWOLLEN in mir gibt.
Es gleicht einer Strömung und entzieht sich meinem Zugriff.
WIESO *TOPIE?
Utopien, Visionen und Träume sind so selbstverständlich abwegig geworden, sobald wir als Menschen zusammenkommen, ob am Stammtisch oder im Polit-Talk. Es hat mich gereizt das Abwegige zu tun. Aufgrund der digitalen Dominanz habe ich einen analogen Gegenstand in meinem Text gewählt, die Kalligraphie. Die Suche nach der selbst gezeichneten Kalligraphie wird im Text zu einer utopischen Fragestellung.
TEXTFRAGMENT
„The Pure Land
„Es kommt kein Schwarz.
Ein weiteres Rot zieht mich in die Tiefe.“
FERDINAND VICONCAI

WER bist du?
Ferdinand Vicončaij, ein Bote, der von Prozessen zwischen Himmel und Erde berichtet.
WARUM schreibst du?
Das Schreiben ist für meine Neigung und meine persönlichen Möglichkeiten die naheliegendste Form Unsichtbarem eine Färbung zugeben, die es vielleicht kurzzeitig sichtbar machen kann.
Wieso *TOPIE?
Wir sind Teil der teils blinden, weltgestaltenden Kräfte, die die alten als Götter verehrten, unser Tun Teil der Prozesse, die Orte schaffen und umgestalten. Und unseren Anteil in diesen Prozessen zu sehen, ist ein Aspekt menschlicher Würde.
TEXTFRAGMENT
„Drei Erzählungen aus alter Zeit“
„Der Himmel drückte und quoll in die Erde und verzehrte sie, so wie die Erde am Himmel zerfloss.(…). Es war da aber eine Göttin, die sah es und dachte bei sich: „Wie soll schönes Leben in dieser Welt sein, Leben, wie es uns erfreut, wo hier alles ineinander geht und sich verzehrt? Ich will einen Turm bauen, der den Himmel über die Erde wölbt, so dass ein offener Raum entstehe und zwischen Himmel und Erde ein immerwährendes Gespräch sei.“ So setzte sie einen Turm zwischen Himmel und Erde, der das Gewölbe spannte und Oben und Unten voneinander schied, zugleich als Rohr Himmel und Erde verband…“
GRISELLA KREITERLING

WER bist du?
Viele. Und: Unterschiedlich alt. Grins. Da ist auch noch das Kind.
WARUM schreibst du?
Schreiben ist hinschauen. Ja. Hinschauen.
WIESO *TOPIE?
Räusper.
Also.
Für den *raum.
TEXTFRAGMENT
„Paula“
Paula war gerade gestorben.
Ich biss in das Ei und räkelte mich in der Gegenwart.
Sterben? Ich? Niemals. … Damals war ich acht.
DOROTHEE SCHRÖDER

WER bist du?
Ich bin Storytellerin, Strategin und Autorin. Beruflich habe ich mich auf Markenkommunikation spezialisiert – außerdem schreibe ich fürs Leben gerne Prosa.
WARUM schreibst du?
Weil sonst etwas fehlt. Weil ich es liebe, mit Sprachklang zu arbeiten. Weil bestimmte Themen – wie Diskursmacht oder Gewalt – mir nie aus dem Kopf gehen.
WIESO *TOPIE?
Als Mädchen habe ich Science-Fiction verschlungen, das sind meistens Dystopien. In dem Text AckerLandSehnsucht für das *TOPIE-Projekt versuche ich mich an dem Riss zwischen Utopie und Dystopie.
TEXTFRAGMENT
„AckerLandSehnsucht“
Maschinen werden dröhnen.
Messer werden kreiseln.
Erdklumpen und Steine werden durch die Luft fliegen.
Rote Saatkörner im Morgenlicht.
RUTH G. GROSS

WER bist du?
Allzumenschliches liegt mir nicht fern, als Autorin, in meiner Praxis als Ärztin, als Psychotherapeutin, als Frau in den besten Jahren.
Aufgewachsen bin ich in Bayern, war viele Jahre Fernreisende, New York-Liebhaberin, vieles mehr, jetzt Reisen in die Fiktion. Mit meiner Familie lebe ich in München.
WARUM schreibst du?
Angefacht von der Neugier, der Liebe zu den Menschen und einer Freude an der Sprache will ich der Würde, den Ängsten, der Scham, den Wünschen, den Sehnsüchten … einen Ausdruck verleihen, will Grenzen ausloten, sie versetzen …Schreiben ist für mich Bewusstwerden.
Schreiben heißt Fragen zu sortieren.
Schreiben ist Probehandeln. Schreiben ist Antrieb zur Veränderung.
WIESO *TOPIE?
Ohne einen Raum können wir nicht sein, nicht fühlen, nicht denken, nicht handeln. Ein äußerer Raum, ein inneres Gehäuse, ein Zeit-Raum. Wer? Wo? Wann? Mit wem? Warum? Wieso passiert etwas dort? Einen Raum für die LeserInnen schaffen, sie an die Welt anknüpfen, über die ich gerade schreibe.
TEXTFRAGMENT
„KRAJEBIETER“
Frühmorgens sind wir auf. Die Luft ist klar und frisch. Die Bucht wirft einen Schattensaum über das erwachende Haff. Meine Augen eilen den Wolken auf dem azurblauen Himmel voraus. Barfuß laufen Carl und ich zwischen den Krüppelkiefern dem Haff zu, durch den knöcheltiefen Sand und lassen den Vogelkäfig im Morgenwind baumeln. Kleine Dornen im Sand, spitze Splitter. Tausend Nadelstiche an den Füßen. Oben auf der Düne der fliehende Sand. Ich schaue auf unser Nidden herab, die sauberen Häuser. Das Wasser wie flüssiges Glas, farblos noch vor Frühe.
Neben den Staudengärten und zum Wasser hin spannen die Fischer im verblassenden Mondlicht die Netze auf dem Sandboden fest. Auf der Vogelwarte im Windenburger Eck ist der Vogelzug schon gesichtet worden. Die Krähen würden in Schwärmen kommen. Auf dem Weg von Süd nach Nord überfliegen sie den Kurischen Nehrungsstreifen. Im Herbst anders herum.
SILKE TOBELER

WER bist du?
Wenn ich das wüsste… Meine Rollen/Aufgaben: Bloggerin, Schreibende, Hebamme für Texte, Mutter, Tochter, Schwester, Ehefrau und Hundehalterin. Die Ergebnisse: Ein Blog: female-gaze.blog, 2 Romane, diverse Kurzgeschichten und Prosaexperimente, die in Anthologien veröffentlicht wurden, 3 Schreibwerkstätten unter meinen Fittichen, 3 Kinder großgezogen, 1 Ehemann und 1 kleiner Hund an meiner Seite.
WARUM schreibst du?
Um zu wissen wer ich bin – Schreiben hilft mir meine Gedanken zu sortieren, zu fokussieren und auf magische Weise entsteht eine innere Entlastung. Bis das nächste Thema aufpoppt…
WIESO *TOPIE?
Ich wollte schon immer etwas Lexikales erfinden. Ein Wikipedia Eintrag. Irgendetwas mit …logie – Statt …logie bot sich TOPIE an. Räume. Und so habe ich für Dinge (Gold), Zustände (Schmerz), Aufgaben (Liebe), Fragen (Frauen) usw. ihr Wirken, ihre Ausbreitung im Raum assoziiert. Und damit es wissenschaftlich wirkt, wählte ich den lateinischen oder griechischen Begriff dafür, fügte alles zu einem unvollkommenen Alphabet zusammen und merkte dann, als ich schrieb, dass der Adressat der Mensch ist, mit dem ich so gut wie alles teile. Also wurde es letztendlich ein Liebesgedicht.
TEXTFRAGMENT
„Unsere Räume“
Liebe
Amaretopie
Das große Wort. Ein weiter Ort. Sie empfängt uns und ist ein Üungsplatz.Gold
Aurumtopie
Dort, wo es sich befindet, wird geraubt. Schätze. Goldbarren im Bunker. Goldrausch in Kalifornien. Dagobert Duck, der in sein Goldbad springt. Das Schürfen nach Gold verseucht die Gewässer. Dabei ist es nur ein Metall mit einer sehr schönen Farbe.Hilfe
Auxiliumtopie
Die Heilsarmee. Krankenhäsuser. Obdachlosenunterkünfte. Für Geflüchtete, Bestohlene, Geschlagene, Sterbende. Witwen und Waisen. Unser Herz. Es pocht schnell, wenn es Not spürt. Zieht sich zusammen, wenn es Leid fühlt. Wird warm, wenn wir mutig sind.Kuss
Bisoutopie
Der Ort, wo wir uns küssen.
Wer die ineinandergeschlungenen Texte in Form des von Kathrin Assauer geschriebene Libretto hören mag, der komme am 22.09.23 nach Dresden in die GEH8 zu der Performance.
Dort kann das Buch direkt erworben, oder (später) über den GEH8 Verlag bestellt werden.
Es lohnt sich schon ein Paar Tage früher nach Dresden zu reisen. Denn wir sind Teil des Literaturfestivals jetzt! , das vom 20.09.23 – 24.09.23 die Stadt mit den tollsten Texten, Lesungen, Performances und mehr bereichern wird.
