Jan Sobottka und der Female Gaze

Für den Female Gaze setze ich mich nicht ausschließlich mit Frauen als Künstlerinnen auseinander. Es geht mir um den weiblichen Blick auf Kunst. Das schließt auch Männer als Kunstschaffende mit ein.

Für diesen Blog Post portraitiere ich einen Mann.

Hallo Jan Sobottka!

90Jan2020SW

Ich lernte Jan Sobottka auf einer Ausstellung in der Galerie I feinart berlin kennen. Ausgestellt wurde die Künstlerin Maria Wirth und ich durfte den Female Gaze auf ihre Arbeiten werfen. Wir hielten einen Artist Talk. Jan fotografierte uns, die Ausstellung, die Gäste. Und er konnte mich gleich beeindrucken, weil er mir erzählte, dass er Meret Oppenheim Anfang der 80er Jahre in der Schweiz kurz gesprochen habe. Meret Oppenheim!

Maria & Silke – catonbed.de

Wer in Berlin Ausstellungen besucht, wird bestimmt schon einmal Jan Sobottka begegnet sein. Unaufdringlich und sehr freundlich fotografiert er Künstler*innen, Galerist*innen und Besucher*innen. Auf dem Intro seiner Website und auf Facebook findet man Fotos von Bruno Ganz bis zu Patti Smith. Immer fängt er den Moment ein, in dem sich die Portraitierten von dem Druck sich zu präsentieren lösen. Sie wirken, auch wenn sich der Mensch in Pose setzt, natürlich und authentisch. Jans Fotos werden in unterschiedlichen Galerien, u. a. Michaela Helfrich Galerie, Galerie Schmalfuß und Galerie I feinart berlin, gezeigt.

Bruno Ganz, 2009 – catonbed.de
Doris Lessing, Literaturfestival Berlin, 2008 – catonbed.de

Wer ist Jan Sobottka?

Basis 
Ital. Vater. Atanasio Retti Marsani, Faschist italienischer
Prägung, in einem dtschspr. Internat Anfang des letzten
Jahrhunderts in Österreich erzogen. Journalist und
Bücherhersteller. Pferde und Frauen der Welt waren seine
Themen. Vor über 130 Jahren geboren, verführte er meine
Mutter in der Nachkriegszeit in neue Welten.
Jetzt wäre ich bereit ihn kennenzulernen.
Der Funke
Durch meine Mutter, Vater war seinerzeit im aktiven Leben
nicht vorhanden, lernte ich viele - heute sagen wir -
Kreative - kennen. Es kam zu Begegnungen mit Autor*innen
(Patricia Highsmith, Frederico Fellini, Topor, Susan Sonntag,
Henry Miller, LORIOT u.a.m)
Sie war selbständig und eine der ersten Verlagsvertreter-
innen in Europa überhaupt, allererste Mitarbeiterin des
damaligen Zweimann-Verlags DIOGENES aus der Schweiz, der
später weltweit agierte. Staunend begreifend, aber nichts
verstehend saß ich als Kind oft daneben ...
Das Beste
weiß man oft erst viel später … oder auch gleich  und sofort
(ist  aber sehr selten!)
Was keinen Spaß macht(e)
Ich würde es nicht Spaß nennen, eher Widrigkeiten, die einen
in der Arbeit behindern. Aber das gehört zum Prozess dazu.
Der Wunsch etwas zu schaffen, sich auszuprobieren überwiegt.
Schafft auch Glückl: wenn es gemeinsam geschieht. (Arbeit mit
einem Modell)
Ikonen
Suche  dir als  Kritiker nur  die besten aus, wenn du ihnen
habhaft werden kannst. Höre gut zu. Wäge ab. Schlägst du
einen anderen Weg ein, weißt du warum. Und das wird von
anderen immer begriffen, wenn auch nur unbewusst.
Bester Rat
siehe oben, ansonsten: arbeiten und …. sich finden.
Warum Künstler
Ich bin es geworden. Aber die eigentl. Anerkennung
drückte sich neben  Neid und Inflation des Begriffs in der
Gesellschaft viel subtiler aus. Allein Ergebnisse könnten
als Beweise dienen … aber wann

Hier fotografiert Will McBride Jan Sobottka

6880WillMcBride

Jan Sobottka portraitiert nicht nur die Berliner Kunstszene, sondern arbeitet seit langem an einem Projekt, aus dem ein Buch gewachsen ist:
Kitchenwork

In seiner kleinen Küche – fernab der Berliner Szene in Mitte – bittet er die Frauen an seinen Tisch: Und sie kommen gern zu ihm, zeigen und öffnen sich. Erotik spielt dabei eine nicht unwesentliche Rolle. Denn sie wollen sich in seinen Bildern wiedererkennen. Fern der üblichen Studioaufnahmen dieses Genres, gelingt es dem Fotografen, diese intime Situation in seinen Fotografien festzuhalten. Ihre Geschichten begleiten die Aufnahmen in kurzen, prägnanten Schilderungen.

(http://www.catonbed.de/KITCHENWORK/press/000.html)

Erotik in der Kunst und anderswo ist aus gutem Grund unter starker Beobachtung. Hierfür muss ich hoffentlich nicht die #metoo – Bewegung erklären. Vielmehr stelle ich die Frage: Gelten für Männer andere Gesetze als für Frauen?
Als ich Tanja Selzer in ihrem Atelier besuchte, boten sich mir Bilder von Menschen im Liebesakt dar. Die Künstlerin nimmt Filmstills aus pornografischen Videos und überträgt die Bilder in ein unschuldiges Setting – in die Natur. Nun ist Tanja Selzer eine Frau und nimmt für sich den Aspekt der Selbstermächtigung von Sexualität in Anspruch. Eine klassische Situation des Female Gaze.

Wie ich es bereits beschrieben habe,

bezeichnet der Female Gaze eine Haltung, die konträr zum Male Gaze steht. Der Begriff Male Gaze kam in den 1970er Jahren in der Film- und Werbeindustrie auf. Damit ist gemeint, dass Frauen in Filmen oftmals nicht als Hauptdarstellerinnen agieren, sondern das unterstützende Beiwerk eines Mannes sind.

(Female Gaze – From Virtual to Reality; DCV Verlag)

Somit kann man sagen, dass der Male Gaze sich leider oft darin ausdrückt, Frauen als Objekte zu degradieren.

Ist ein Mann, der eine Frau betrachtet, sie fotografiert, damit zwingend dem Male Gaze zuzuordnen?

Oder kann man seinen Blick auf Frauen dadurch anders  bewerten, wenn sich die Models selbst so zeigen, wie sie es wollen?

Eine von mir ausgewählte Fotoreihe, auf der sich LaTour zeigt

LaTour schreibt über ihre Zusammenarbeit mit Jan:

Unsere gemeinsame Arbeit würde ich beschreiben als geprägt von großem Vertrauen und einer tiefen Zuneigung. Viel Optimismus und eine ernsthafte Verspieltheit, gepaart mit extremer Neugierde, frei von Konzepten oder Vorurteilen. Eine lebendige metamorphische Auseinandersetzung mit dem Körper und unseren ästhetischen Vorstellungen. Außerdem immer sehr performativ, nie an einer eindeutigen Antwort interessiert. Wir versuchen, die tiefen Gräben der Existenz, die sich auch am und im Körper äußern, zu verbinden, melancholisch optimistisch.

LaTour


Dora

Als junge Frau für einen „älteren, weißen“ Photographen Model zu sitzen, ruft heute leicht den Verdacht auf, hier sei ein Frauen diskriminierendes Muster realisiert: ein Mann, der als Künstler (voyeuristisch? narzisstisch?) seine Bilder von Weiblichkeit und Erotik inszeniert, ja, sie konsumiert, während ein junges (unmündiges?) Model in die Rollen geformt wird, die er für sie vorgesehen hat: die Frau als Lustobjekt und verfügbare Muse. Eine Gefahr dieser Interpretation liegt darin, dass eine künstlerische Arbeit dem Maßstab einer gesellschafts- bzw. geschlechterpolitischen Thematik untergeordnet wird.

Die Photo-Sessions mit Jan Sobottka, wie ich sie erlebt habe, stellen diese Interpretation infrage, die außer Acht lässt, welches Potential an Selbstermächtigung und Selbstinszenierung die Photographie für das Model besitzen kann – für Frauen im Speziellen aber im Grunde für Menschen im Allgemeinen. Selbstverständlich hängt das von der Arbeitsweise des Photographen ab. Das Typische an Jan Sobottkas Ergebnissen resultiert aus meiner Sicht gerade daraus, dass er stets mit der Individualität und dem „Eigensinn“ eines Models arbeitet, besser: diese herauszustellen versucht. Nicht zufällig sind die Photo-Sessions oft begleitet von angeregten Gesprächen, geleitet von der Neugier für die Persönlichkeit der Frauen, für ihren Lebensweg und die von ihnen ausgelebte Weiblichkeit.

Dora

001Dora

Seit 2005 präsentiert Jan Sobottka seine Arbeiten auf der Website catonbed.de

Die Berliner Kunstszene: Das sind Menschen, Schauplätze, Arbeiten, Geschichten – und Jan Sobottka verbindet und dokumentiert sie, hält auch ihre flüchtigen Momente fest und verleiht Augenblicken Dauer. CATONBED.DE entschleunigt den oft turbulenten Betrieb und beleuchtet nicht nur die ohnehin schon strahlende erste Reihe.

Ivo Wessel

Schaut selbst.

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